Neutorstraße in der Mainzer Altstadt vier Tage umgestaltet – Anwohnende starten Petition
MainzZero hat vom 27. bis 30. Juni – nach 2023 – erneut gemeinsam mit den Anwohnenden, den Bündnispartnern und vielen weiteren interessierten Institutionen eine Sommerstraße organisiert. Diesmal für die Neutorstraße in der besonders von Hitze betroffenen Mainzer Altstadt. Ganz praktisch war in diesen Tagen für alle zu erleben, wie vielfältig das Leben in der Straße sein kann, wenn Platz und Aufenthaltsqualität geschaffen werden. Sehr eindrücklich war aber auch zu spüren, wie stark sich die Straße aufheizt – wie der Aufenthalt in der Straße bei Temperaturen über 30 Grad und ohne Schatten fast unmöglich ist.
„Die Sommerstraße in der Neutorstraße hat gezeigt, wie viel Lebensqualität möglich ist, wenn wir den öffentlichen Raum anders denken – grüner, sozialer und klimagerechter“, sagt Edith Heller, Sprecherin von MainzZero. „Gleichzeitig wurde durch die große Hitze auch deutlich, wie dringend wir echte Grünachsen und kühlende Aufenthaltsorte in der Innenstadt brauchen.“
Stadt will mindestens zehn Sommerstraßen pro Jahr
„Meenzer Sommer- und Nachbarschaftsstraße“ nennt die Stadt Mainz es, wenn sich Anwohnende einer Straße zusammentun und ihre Straße zurück erobern wollen. Für einen begrenzten Zeitraum wird die Straße von fahrenden und parkenden Autos befreit und die Nachbarschaft kann den Raum für Begegnungen, gemeinsame Veranstaltungen, Sport, Kinderspiele und vieles mehr nutzen. Dabei soll auch ein Diskussionsforum entstehen, wie der begrenzte Straßenraum genutzt werden soll (siehe Webseite der Stadt: www.mainz.de/sommerstrasse). Im Rahmen des ‚Masterplan 100% Klimaschutz‘ ist es das erklärte Ziel der Stadt Mainz, jedes Jahr mindestens zehn dieser Sommerstraßen stattfinden zu lassen, um den Weg zu echten Grünachsen mit Entsiegelung, begrünten, schattigen Aufenthaltsorten und Barrierefreiheit für alle Fußgänger*innen zu ebnen und darüber in den Austausch mit der Bevölkerung zu kommen.
Um für diese von der Stadt angebotene Möglichkeit der Sommerstraßen, die alle Nachbarschaften nutzen können, mehr Aufmerksamkeit zu schaffen, organisiert auch die Bürgerinitiative MainzZero solche Nachbarschaftsstraßen. Zuletzt im Mai 2023 in der Leibniz- und Adam-Karrillon-Straße in der Neustadt, und in diesem Jahr in der Neutorstraße, der Verlängerung der Augustinerstraße, in der Altstadt.
Statt parkender Autos gab es auch diesmal wieder große Grünpflanzen, die das Gonsenheimer Pflanzencenter Stinner MainzZero kostenlos ausgeliehen hatte, einen begrünten Anhänger mit Sitzbank, den der Besitzer der Gaststätte Waschsalon in der Gaustraße gebracht hatte, verschiedene weitere Sitzecken sowie zahlreiche Informations- und Mitmachangebote.
Buntes Programm mit Flohmarkt, Musik, Kunst und viel Engagement
Zur offiziellen Eröffnung am Freitagnachmittag sprach auch Brian Huck, Ortsvorsteher der Altstadt und lobte das Engagement von MainzZero für eine lebenswerte Altstadt. Auch ein Anwohner, der die Lärmbelastung durch den Durchgangsverkehr beschrieb, trat ans Mikrofon. Die Handwerkskammer war mit einem Stand zu beruflicher Ausbildung vor Ort.
Besonders viel Betrieb war am Samstag, als alle Bewohner*innen eingeladen waren, beim Flohmarkt mitzumachen. Viele nahmen teil und die ganze Straße war mit nützlichen Dingen auf der Suche nach neuen Besitzern belegt. Auch Oxfam, die den karitativen Secondhand-Laden am Eingang zur Neutorstraße betreiben, waren mit einem Stand vertreten, boten zusätzlich Informationen zur Bedeutung des Lieferkettengesetzes an und sammelten über 150 Unterschriften für dessen Erhalt.
Für musikalische Untermalung sorgte unter anderem der Musiker Soma mit Gitarre und Gesang, am Sonntag gab es kostenlose Nackenmassagen vom Baansabai Massage-Studio aus der Neutorstraße. An mehreren Tagen fuhr eine Fahrradrikscha der Malteser Besucher*innen spazieren und warb für dieses buchbare Angebot für ältere Menschen in Seniorenheimen oder auch zu privaten Feiern.
Anne Böschen von der Werkstattgalerie öffnete ihr Atelier im Hinterhof der Nr. 29 für Interessierte und leistete mit extra gestalteten Stühlen „Global denken – lokal sitzen“ einen künstlerischen Beitrag zum Thema ‚Nutzung des Straßenraums‘. Im gleichen Haus, im Grünen Salon, ist ein Musiklehrer mit seiner Musik- und Gesangsschule ‚Tonweise‘ beruflich zu Hause. Drei Jugendbands, die er unterrichtet, hatten ebenso einen Auftritt in der Sommerstraße wie seine eigene Gruppe „Weep“, die am Sonntagnachmittag die Veranstaltung musikalisch bereicherten. Ein wichtiges Prinzip der Sommer- und Nachbarschaftsstraßen ist es, Ruhestörungen für die Anwohnenden begrenzt zu halten, indem auf entsprechende Anmerkungen aus der Nachbarschaft eingegangen und die Lautstärke reduziert wurde.
Am Sonntagmorgen veranstalteten die Christians for Future einen bewegten Gottesdienst. Anschließend konnte sich in moderierten Gesprächen über gute Nachbarschaft ausgetauscht werden. Außerdem gab es Gesprächsangebote der Psychologists for Future sowie von Mainz4Democracy.
Weitere Beteiligte an der Sommerstraße waren Book´n Drive, die einen großen Transporter für die Abholung der Pflanzen und weiterer Utensilien kostenlos ausgeliehen hatten und an zwei Tagen Informationen zur Ausleihe von E-Autos gaben. Foodsharing, das seit vielen Jahren vor der Hausnummer 10 einen Fairteilerstand zum Verteilen geretteter Lebensmittel hat, informierte nicht nur über die Hintergründe, sondern verschönerte mit einer Malaktion unter Beteiligung der Besucher den Stand.
Überwiegend positive Reaktionen
Der Ortsbeirat Altstadt hat die Aktion sehr begrüßt und von Anfang an unterstützt. Er war auch bei der Auswahl der Straße beteiligt und an zwei Tagen mit einem Gesprächsangebot vor Ort. Die allermeisten Rückmeldungen von Anwohnenden und den anliegenden Geschäften aus der Neutorstraße waren positiv. Vor allem die Aufenthaltsqualität, die Bewegungsfreiheit und die Begrünung kamen sehr gut an.
Wichtig war für einige Anwohnende, dass sie während der Zeit der Sommerstraße die zahlreichen privaten und gewerblichen Parkplätze in den Hinterhöfen nutzen und dafür die Straße auch während der Sperrung befahren konnten. Dies gehört zum Prinzip jeder Sommerstraße und war gewährleistet – auch wenn die Autofahrenden in den sehr belebten Phasen, z.B. während des Flohmarktes am Samstag, etwas Geduld aufbringen mussten. Die Rollen waren hier vertauscht: Fußgänger hatten Vorrang, die Autos mussten sich ein Stück weit nach ihnen richten.
Eine direkte Reaktion und aus Sicht der Organisatoren schönster Erfolg der Aktion ‚Sommerstraße 2025‘ ist eine Petition bei change.org zur dauerhaften Begrünung und Verkehrsberuhigung in der Neutorstraße, die Anwohnende am letzten Tag der Sommerstraße gestartet haben. Weitere Infos und die Möglichkeit zum Mitmachen bei der Petition.
„Es war einfach schön, unsere Straße einmal ganz anders zu erleben – als Ort der Begegnung statt als Durchgangsstraße voller parkender Autos“, sagte eine Anwohnerin der Neutorstraße. „Dass die Nachbarschaft am Ende sogar eine Petition gestartet hat, zeigt: Wir wollen nicht nur ein schönes Wochenende – wir wollen dauerhaft etwas verändern.“
Nun ist es an der Stadtverwaltung, diesem Wunsch nachzukommen, die beschlossenen Maßnahmen des ‚Masterplan 100% Klimaschutz‘ zu lebenswerten Straßen und Grünachsen umzusetzen, die Innenstadt widerstandsfähiger gegenüber der stetig steigenden Hitze zu machen und die Verkehrswende hin zu mehr Fuß-, Rad- und öffentlichem Verkehr weiter entschieden zu fördern und voranzutreiben.